In letzter Zeit fasziniert mich die Literatur aus Oberschlesien. Mein Lieblingsautor ist Szczepan Twardoch, der in seinen Romanen das Leben in dieser Region über viele Jahrzehnte hinweg beschreibt. Bewundernswert ist seine Detailverliebtheit, mit der er eine für mich exotische Welt aufbaut – voller deutscher Lehnwörter, vor allem solcher, die sich auf Alltagsgegenstände, Architektur, Kleidung, Mentalität oder das sogenannte „poniemieckie dziedzictwo“ (das „nachdeutsche Erbe“) beziehen.
Ich selbst stamme aus Nordostpolen, aus Podlachien, einer Region, in der der russische Sprach- und Kultureinfluss überwiegt – die schlesische Sprachwelt war mir bisher also fremd.
Im modernen Polnisch gibt es etwa 3000 bis 4000 Germanismen. Für deutschsprachige Lernende ist das eine gute Nachricht: Diese Wörter sind sofort verständlich. Die schlechte Nachricht: Viele davon sind heute veraltet, da sie eine historische Realität beschreiben, die längst vergangen ist.
Vom Mittelalter bis zur Gegenwart
Die erste große Welle der Germanismen im Polnischen gab es bereits im Mittelalter – mit der Urbanisierung und Christianisierung. Deutsche Siedler, Handwerker und Händler brachten neue Begriffe mit, die bis heute im Gebrauch sind. Beispiele:
- handel – Handel
- jarmark – Jahrmarkt
- kiermasz – Kirmes
- folwark – Vorwerk
- gmina – Gemeinde
- morga – Morgen (Flächenmaß)
- sołtys – Schultheiß
- wójt – Vogt
- burmistrz – Bürgermeister
- ratusz – Rathaus
Im 20. Jahrhundert – besonders während des Zweiten Weltkriegs – gelangten viele Begriffe in den Sprachgebrauch, die mit der deutschen Besatzung verbunden sind, etwa auswajs, gestapo, kapo, lager, szmugler, volksdojcz oder in Originalschreibweise Blitzkrieg, Übermensch, Wunderwaffe. Diese Wörter sind heute vor allem in historischen Texten zu finden.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden West- und Ostdeutschland für viele Polen zu Symbolen von Wohlstand, Arbeit im Ausland und Konsumkultur. So kamen Wörter wie bauer, gastarbeiter, szyberdach, szrot, flomarkt oder polenmarkt ins Polnische. Auch Redewendungen wie jechać na saksy („auf Saisonarbeit fahren“) sind bis heute bekannt.
Deutsche Wortbildung im Polnischen
Auch die deutsche Art der Wortbildung hat Spuren hinterlassen. Beispiele:
- Suffix -ung → -unek: Rechnung → rachunek, Ladung → ładunek, Gattung → gatunek
- Suffix -man: furman (Fuhrmann), hutman (Hüttenmann), oberman; modern: lekoman (Pillenfanatiker), płytoman (Plattenfan)
- Suffix -mistrz: burmistrz (Bürgermeister), baletmistrz (Ballettmeister)
Die Zusammensetzung von zwei Wörtern ist ein typisch deutsches Phänomen – und sehr praktisch. Kein Wunder, dass das Polnische dieses Prinzip übernommen hat. Beispiele:
- czasopismo – Zeitschrift
- duszpasterz – Seelsorger
- krwiobieg – Blutkreislauf
- rzeczoznawca – Sachverständiger
- światopogląd – Weltanschauung
- miarodajny – maßgebend
- ogniotrwały – feuerfest
Philosophie und Kultur
Der Einfluss der deutschen Philosophie und Kultur zeigt sich ebenfalls in vielen Entlehnungen. Begriffe wie weltschmerz, zeitgeist, angst, gestalt, schadenfreude oder poltergeist finden sich in Feuilletons, Essays und wissenschaftlichen Texten. Ebenso Bezeichnungen wie heglizm, kantyzm oder luteranizm, die auf philosophische oder religiöse Strömungen verweisen.
Mein persönlicher Favorit
Neulich habe ich das Wort „sznapskumpelka“ gelesen – vermutlich eine polnische Erfindung, die es im Deutschen gar nicht gibt. Aber schön ist sie trotzdem.
Häufige Germanismen im Polnischen
Zum Schluss eine subjektive Liste gebräuchlicher Wörter deutscher Herkunft:
- fajerwerk – Feuerwerk
- obcas – Absatz
- urlop – Urlaub
- malarz – Maler
- blacha – Blech
- glanc – Glanz
- weksel – Wechsel
- szminka – Schminke
- szuflada – Schublade
- dach – Dach
- szlauch – Schlauch
- ogórek – Gurke
- granica – Grenze
- sznur – Schnur
- warsztat – Werkstatt
- stempel – Stempel
- szynka – Schinken
- kartofel – Kartoffel
- szyld – Schild
- komin – Kamin
- plac – Platz
- pech – Pech
- majstersztyk – Meisterstück
- rynna – Rinne
- zegar – Zeiger
- ajerkoniak – Eierlikör
- grosz – Groschen
- kicz – Kitsch
- szyba – Scheibe
- sznycel – Schnitzel
Beim Schreiben dieses Beitrags habe ich den Artikel von Bogusław Nowowiejski, Universität Białystok, „Zur Frage des Einflusses der deutschen Sprache auf das Polnische“ herangezogen.